Gottlieb · 1980
The Amazing Spider Man

Der Amazing Spider-Man wurde im Mai 1980 von der Firma D. Gottlieb & Co. veröffentlicht. Er gilt als ein historischer Meilenstein der Flipper-Geschichte, da er das allererste Flippergerät war, das auf einem Marvel-Comic-Charakter basierte, und zeitgleich eine technologische Zeitenwende einläutete. Insgesamt wurden 7.625 Einheiten dieses Modells produziert. Der Flipper war das allererste Gerät, das auf Gottliebs neuer „System 80“-Architektur basierte. Diese Solid-State-Technologie (elektronisch gesteuert statt elektromechanisch) bildete das Fundament für die Gottlieb-Flipper des gesamten folgenden Jahrzehnts, darunter berühmte Klassiker wie Haunted House oder The Black Hole.
Es handelt sich um ein sogenanntes Widebody-Modell. Mit einem rund 60 cm überbreiten Gehäuse bot es deutlich mehr Platz für komplexe Spielfeldelemente. Zudem war es der erste Gottlieb-Flipper mit einem integrierten Lichtsystem für den “Attract Mode” (das Blinken im Ruhezustand, um Spieler anzulocken) und Lautsprechern, die direkt in der Backbox verbaut waren.Die Comic-Legende und Spider-Man-Miterfinder Stan Lee besaß persönlich eines der allerersten Seriengeräte direkt aus der Fabrik. Er behielt und bespielte den Flipper über zwanzig Jahre lang in seinem Büro, bevor er später als Teil der Stan Lee Collection versteigert wurde.
Das Design wurde von zwei namhaften Köpfen der Flipper-Szene kreiert: dem Designer Ed Krynski und dem Künstler Gordon Morison. Morisons Artwork orientiert sich stark am dynamischen Comic-Stil der späten 1970er- und frühen 1980er-Jahre. Das gesamte Gehäuse sowie das Spielfeld bilden eine „Rogues Gallery“ – eine Galerie von Spider-Mans bekanntesten Erzfeinden. Vertreten sind unter anderem der Grüne Goblin, Doctor Octopus, Sandman, der Geier, die Echse, Kraven der Jäger, Kingpin und Skorpion. Besonders markant ist die Schräglage der Motive auf dem Backglass, die perfekt das Gefühl vermittelt, wie Spider-Man durch die Häuserschluchten schwingt.
Obwohl das Spielfeld im Vergleich zu modernen Geräten offener wirkt, bietet es für die damalige Zeit eine enorme Vielfalt an spielerischen Elementen: Vier Flipperfinger, ungewöhnlich verteilt, darunter zwei Flipperfinger auf der rechten Seite, die eine erhöhte Reaktionsschnelligkeit erfordern. Der „Web Shot“: Ein gezielter Schuss mit dem oberen linken Flipperfinger simuliert das Schießen eines Spinnennetzes direkt in eine Bank aus 5 Drop-Targets. Insgesamt verfügt das Gerät über eine 3er- und eine 5er-Bank an Drop-Targets. Durch das Treffen markierter Schalter und das Leuchten des blauen Lichts lässt sich der Bonus-Multiplikator extrem in die Höhe treiben. Wenn der Bonus 20.000 Punkte erreicht, kann über ein Kick-out-Hole links oben ein Bonus-Countdown gestartet werden, um die Punkte im selben Spiel direkt noch einmal aufzubauen. Geübte Spieler können die Millionen-Grenze knacken. Da das digitale LED-Display des Flippers jedoch nur 6 Stellen besitzt, springt die Anzeige danach wieder auf Null um.
Gottlieb wollte den Flipper 1980 unbedingt als großen Coup auf einer wichtigen europäischen Automatenmesse präsentieren. Das Problem: Die brandneue „System 80“-Elektronik war kurz vor der Messe noch extrem fehleranfällig und stürzte ständig ab. Aus Panik vor einem PR-Desaster griffen die Gottlieb-Ingenieure zu einem illegalen Trick: Sie nahmen kurzerhand die bewährte, absolut stabile Elektronik-Platine des Erzrivalen Bally (das sogenannte AS-2518-35 MPU Board), modifizierten sie heimlich und bauten sie in das Spider-Man-Messemodell ein. Der Flipper lief auf der Messe tagelang wie am Schnürchen, während die Konkurrenz staunte – niemand ahnte, dass im Inneren des Gottlieb-Spiderman das „Herz“ eines Bally-Flippers schlug.
1980 kam auch der Flipper Gorgar von der Konkurrenzfirma Williams heraus – der allererste Flipper, der sprechen konnte („Gorgar speaks!“). Gottlieb geriet unter Zugzwang. Die System-80-Platine des Spider-Man war theoretisch für Sound und Sprache bereit, aber das Budget war durch die Marvel-Lizenzgebühren so stark geschrumpft, dass Gottlieb sich die teuren Sprachchips nicht mehr leisten konnte. Der Spider-Man-Flipper musste sich daher mit futuristischen, elektronischen Synthesizer-Klängen begnügen. Fans sagen heute ironisch, dass der Flipper klingt, als würde R2-D2 versuchen, Spider-Man nachzuahmen.


