Gottlieb · 1981
Black Hole

Der Flipperautomat Black Hole von D. Gottlieb & Co. aus dem Jahr 1981 gilt als einer der ambitioniertesten und legendärsten Flipper der sogenannten System-80-Ära. Das Gerät zeichnet sich durch bahnbrechende Innovationen und eine komplexe Spielfeld-Architektur aus, war jedoch zu seiner Zeit von technischen Mängeln überschattet.
Black Hole war berühmt für sein zweites, unteres Spielfeld, das durch eine transparente Plexiglasscheibe im Hauptspielfeld sichtbar war. Dieses untere Feld besaß eine umgekehrte Neigung – die Kugel rollte also vom Spieler weg. Es war nahezu ein vollwertiges Spielfeld mit eigenen Schlagtürmen (Pop Bumpern) und Drop-Targets.
Infinity Backglass: Die Motivscheibe im Kopfteil besaß einen sensationellen optischen Tiefeneffekt. Durch spezielle Spiegelungen wirkte das Licht, als würde es in die unendliche Tiefe eines schwarzen Lochs gezogen. In der US-Version war dort zudem eine mechanisch rotierende Galaxie verbaut, die bei den europäischen Exportmodellen aus Kostengründen fehlte.
Sprachausgabe (Speech): Für die damalige Zeit eine absolute Neuheit. Im Demo-Modus forderte der Flipper wartende Spieler mit einer düsteren Stimme heraus: „Do you dare to enter the Black Hole?“
Das Erreichen des Multiballs (bis zu 3 Kugeln) gilt als primäres Spielziel. Das Besondere: Die Kugeln konnten gleichzeitig auf der oberen und der unteren Ebene gespielt werden, was extrem hohe Konzentration erforderte.
Obwohl die Produktion von 8.700 Stück für einen Widebody-Flipper beachtlich war, litt das Image des Automaten im Alltag. Black Hole galt als technisch anfällig und wartungsintensiv. Die Elektronik der Gottlieb-System-80-Generation besaß ab Werk oft mangelhafte Masseverbindungen, was zu unvorhersehbaren Abstürzen führte. Das Kugeltransportsystem, das die Kugel aus dem unteren Spielfeld wieder nach oben befördern sollte, versagte in der Praxis in rund 20 % der Fälle. Blieb die Kugel unten liegen, musste der Flipper bis zum Eintreffen eines Technikers abgeschaltet werden.
Das Spielsystem des Gottlieb Black Hole ist für seine Zeit extrem tiefgründig und anspruchsvoll. Es basiert auf dem Zusammenspiel zwischen dem oberen Hauptspielfeld und dem unteren „Sub-Spielfeld“ (dem eigentlichen Black Hole). Das primäre Ziel ist es, den Multiball vorzubereiten und gleichzeitig den Punkte-Multiplikator für die untere Ebene zu maximieren, wo fast alle großen Punkte geholt werden.
Der Ball gelangt über den zentralen Gravity Tunnel nach unten. Das untere Spielfeld besitzt eine umgekehrte Neigung (die Kugel rollt von den Flipperfingern weg in Richtung Raumschiff-Heck). Überlebenskampf (Re-Entry): Wenn die Kugel unten ins Aus rollt, verlässt sie das Feld über eine Schleuse auf der rechten Seite. Ist das dortige mechanische Tor (Gate) geschlossen, ist der Ball komplett verloren. Das Tor öffnen: Um das Tor für die Rückkehr nach oben zu öffnen, musst du auf dem unteren Spielfeld entweder die linke (3er) oder die rechte (4er) Drop-Target-Bank komplett abräumen. Die Strategie: Gute Spieler schießen die Kugel, sobald sie über das geöffnete Tor sicher nach oben zurückkehrt, sofort wieder nach unten, um dort risikofrei weiter Punkte zu jagen.
Der Schlüssel zu Highscores liegt darin, die Punkte auf dem unteren Spielfeld zu vervielfachen, bevor man den Ball hinunterschickt: Auf dem oberen Spielfeld befinden sich zwei Drop-Target-Bänke, die die Buchstaben B-L-A-C-K und H-O-L-E tragen. Buchstabiert man eines der beiden Wörter komplett, verdoppeln sich alle Punkte auf dem unteren Spielfeld (2x G-Force). Schafft man beide Wörter, verdreifacht sich die Punktzahl im Keller (3x G-Force). Der eigentliche Bonus-Multiplikator (bis zu 5x) wird über die oberen Rollover-Lanes (A-B-C) oder den unteren Rollunder-Tunnel erhöht. Da der Bonus am Ende des Balls ausschließlich anhand der unten erzielten Treffer berechnet wird, sind die G-Force-Multiplikatoren essenziell.
Der Black Hole bietet einen einzigartigen, ebenenübergreifenden Multiball-Modus für bis zu 3 Kugeln. Das Sperren (Locken) der Bälle läuft wie folgt ab: Kugel 1 sperren (Oben): Zuerst müssen die 4 gelben Spot-Targets auf dem Hauptspielfeld getroffen werden. Dies aktiviert das obere Capture Hole (Sperrloch). Schießt man die Kugel dort hinein, ist der erste Ball eingeloggt. Kugel 2 sperren (Unten): Nun wird automatisch eine neue Kugel ins Spiel geschossen. Diese muss nach unten in das schwarze Loch befördert werden. Dort blinkt ein blaues Licht am unteren Capture Hole. Trifft man dieses, ist der zweite Ball gefangen. Multiball starten: Sobald der zweite Ball unten festsitzt, wird die dritte Kugel oben in die Abschussgasse gelegt. Schießt man diese nun in den Gravity Tunnel, wird zeitgleich der Ball im unteren Loch freigegeben. Befinden sich zwei Kugeln im Spiel, bricht das absolute Chaos aus: man spielt gleichzeitig auf beiden Ebenen. Solange sich mindestens eine Kugel unten befindet, läuft das Spiel mit dem zuvor mühsam aufgebauten 2x- oder 3x-G-Force-Multiplikator weiter. Das ultimative Ziel im Multiball ist es, die Kugel unten so lange wie möglich am Leben zu erhalten, während man oben versucht, die Ziele für den Special (Freispiel) oder Extra Ball zu treffen.
In den USA wird Black Hole oft als der Automat genannt, der den Preis für ein Flipperspiel dauerhaft anhob. Gottlieb bewarb das Gerät kurz nach dem Erscheinen stolz als das „umsatzstärkste Flipperspiel aller Zeiten“. Der wahre Grund dafür war jedoch psychologischer Natur: Es war einer der ersten Flipper, bei dem Aufsteller standardmäßig 50 Cent pro Spiel (statt der damals üblichen 25 Cent) verlangten. Die Betreiber rechtfertigten den Preis mit den enormen Produktionskosten für das zweite Spielfeld – doch das erhöhte auch den Druck auf die Technik, die fehlerfrei laufen musste.
Wer heute in Europa ein originales Export-Modell des Black Hole besitzt, schaut oft neidisch in die USA. Um Kosten und Gewicht für den Übersee-Transport zu sparen, strich Gottlieb radikal Features für den europäischen Markt: Die rotierende Galaxie: In der US-Version dreht sich hinter dem verspiegelten Infinity-Backglass eine motorisierte Scheibe, die den Strudel-Effekt perfekt macht. Europäische Modelle bekamen nur eine starre Scheibe.
Das Schweigen der Export-Modelle: Die legendäre, roboterhafte Sprachausgabe („Do you dare to enter the Black Hole?“) wurde über einen hochentwickelten Votrax-SC-01-Chip erzeugt. Da man den Flipper für Europa nicht extra lokalisieren wollte, lieferte man ihn hierzulande komplett ohne Sprachplatine aus. Viele europäische Sammler rüsten diese Platinen heute mühsam nach, um den Flipper endlich „sprechen“ zu hören.
Für die Automatenaufsteller, die die Flipper in Kneipen und Arkaden platzierten, wurde der Black Hole schnell zum roten Tuch. Das Problem war das Kugeltransportsystem (der Kicker), das die Kugel aus dem Keller wieder nach oben schießen sollte. In etwa 20 % der Fälle schaffte es die Kugel nicht nach oben und rollte in die Mechanik zurück. Da das System daraufhin blockierte und die Spulen durchbrennen konnten, schaltete sich der Flipper ab. Aufsteller fluchten, weil sie ständig zu Reparaturen ausrücken mussten, nur um eine steckengebliebene Kugel zu befreien. Der Flipper verbrachte in manchen Hallen mehr Zeit mit dem Schild „Außer Betrieb“ als im Spielmodus.
Der Black Hole war berühmt-berüchtigt dafür, Spieler mental völlig zu überfordern. Wenn der Multiball startete und drei Kugeln gleichzeitig auf zwei Ebenen (die auch noch entgegengesetzte Neigungen hatten) aktiv waren, kam es reihenweise zu Systemausfällen – allerdings nicht beim Flipper, sondern in den Köpfen der Spieler. Zeitzeugen berichten, dass Spieler in Spielhallen oft panisch die Flipperknöpfe beider Hände im Dauerfeuer bedienten, weil das menschliche Auge unmöglich beide Ebenen gleichzeitig fixieren konnte.
Gottlieb veröffentlichte den Flipper im Oktober 1981. Nur zwei Jahre zuvor, im Jahr 1979, hatte Disney seinen damals extrem teuren und düsteren Science-Fiction-Film „Das schwarze Loch“ (The Black Hole) in die Kinos gebracht. Viele Spieler dachten damals (und denken bis heute), dass der Flipper ein offizielles Lizenzgerät zum Film sei. Das stimmt jedoch nicht: Gottlieb nutzte das Thema designdidaktisch völlig unabhängig und sparte sich die teuren Lizenzgebühren, was angesichts des zeitlichen Abstands der Popkultur dennoch perfekten Rückenwind gab.
Ein Running-Joke in der Flipper-Szene besagt, dass ein Gottlieb-System-80-Flipper ab Werk eigentlich gar nicht dafür gebaut war, im eingeschalteten Zustand zu überleben. Weil die Platinen im Gehäuse unzureichend geerdet waren, reichte manchmal das Betätigen des Haushalts-Lichtschalters im selben Raum, um den Flipper abstürzen zu lassen. Über die Jahrzehnte hat die weltweite Flipper-Community extrem detaillierte Anleitungen (sogenannte Ground Fixes oder Masse-Updates) entwickelt. Ein restaurierter Black Hole läuft heute dank dieser Modifikationen der Fans oft stabiler und zuverlässiger, als er es 1981 frisch aus der Fabrik jemals tat.


