Williams · 1978
Pokerino

Der Pokerino ist ein im Oktober 1978 von Williams Electronics veröffentlichter Flipperautomat. Es handelt sich dabei um ein frühes Solid-State (SS), also elektronisch gesteuertes Modell, das in der Übergangsphase von der elektromechanischen Ära hin zur Digitaltechnik gebaut wurde.
Der Flipper entstand unter der Führung von echten Branchen-Legenden:
Design: Entwickelt wurde das Spielfeldlayout von Steve Kordek, einem der einflussreichsten Flipper-Designer der Geschichte (er erfand unter anderem die heute standardmäßige Platzierung von zwei Flippern am unteren Spielfeldrand).
Grafik (Art Design): Die auffällige Optik im typischen Casino- und Showgirl-Stil der späten 70er Jahre wurde von Constantino Mitchell und Jeanine Mitchell entworfen. Das Team kreierte kurz darauf auch das Design für den legendären Williams-Erfolg Flash.
Software & Sound: Programmiert von Paul Dussault.
Der Flipper besitzt ein sehr weitläufiges, asymmetrisches Spielfeld (“Wide open playfield”) mit einem klassischen Poker- und Glücksspiel-Thema. Zu den spielerischen Besonderheiten gehören:
Staged / Double Action Flippers: Der Automat besitzt insgesamt 4 Flipperfinger. Die Besonderheit liegt in den Knöpfen an den Gehäuseseiten: Durch zweistufige Kontakte (Dual Leaf Switches) bewegen sich bei leichtem Druck zunächst nur die unteren Flipper. Drückt man den Knopf ganz durch, aktivieren sich auch die oberen Flipperfinger.
Captive-Ball-Mechanik (Newton Ball): Auf dem Spielfeld befindet sich eine Spur mit vier gefangenen Kugeln. Trifft man die vorderste Kugel, wird der Impuls an die hinterste Kugel weitergegeben, um dort Targets zu treffen oder einen Stoß-Posten (dropping post) zu steuern.
Ziele: Das Spielfeld ist bestückt mit Drop-Targets (einer 4er-Bank, zwei 2er-Bänken und einem einzelnen Target), 3 Pop Bumpers (Schlagtürmen) und 8 Star Rollovers im oberen Bereich, um Kartenkombinationen zu sammeln.
Das Spielsystem und Regelwerk des Pokerino basiert – passend zum Namen – auf dem Sammeln von Poker-Kartenwerten, um Multiplikatoren und Bonus-Punkte aufzubauen. Da es sich um einen Flipper aus dem Jahr 1978 handelt, gibt es noch keine komplexen Missionen oder Story-Modes, sondern ein klares, punkteorientiertes System.
Im oberen Bereich des Spielfelds befinden sich acht sogenannte Star Rollover (Sterne im Holz, über die die Kugel rollt). Jeder dieser Kontakte repräsentiert eine Spielkarte (z. B. Bube, Dame, König, Ass) in verschiedenen Farben.
Wenn die Kugel über einen Rollover rollt, leuchtet der dazugehörige Kartenwert auf dem Spielfeld auf.
Das primäre Ziel ist es, Paare, Drillinge oder Full Houses zu sammeln.
Haben Sie eine bestimmte Kombination vervollständigt, wird der Bonus-Multiplikator (2x, 3x, 5x) für die aktuelle Kugel freigeschaltet.
Die Drop-Targets & Der Bonus-Anzeiger
Der Pokerino besitzt insgesamt 9 Drop-Targets (Ziele, die bei Treffern im Boden versinken). Diese sind asymmetrisch aufgeteilt: Eine 4er-Bank auf der linken Seite, zwei 2er-Bänken und ein einzelnes Target.
Bonusaufbau: Jedes getroffene Target erhöht Ihren “End-of-Ball”-Bonus. Dieser wird in der Mitte des Spielfelds über eine Lichterkette angezeigt.
Target-Reset: Räumen Sie eine komplette Target-Bank ab, stellt sie sich automatisch wieder auf, und die Punkte für diese Bank erhöhen sich für den Rest der aktuellen Kugel.
Das “Captive-Ball”-System (Newton-Bälle)
Auf der rechten Seite des Spielfelds befindet sich eine vertikale Bahn, in der vier Kugeln eingesperrt sind.
Treffen Sie die vorderste Kugel mit Ihrer Spielkugel, gibt diese den Impuls nach oben weiter (wie beim Billard).
Wenn die hinterste Kugel den Kontakt am Ende der Bahn berührt, steuert dies einen mechanischen Posten (Drop Post) im oberen Spielfeldbereich. Dieser Posten öffnet oder schließt den Weg zu den profitablen oberen Rollovers, wodurch Sie gezielt steuern können, ob die Kugel oben bleibt oder nach unten geleitet wird.
Kordek entwarf das Spielfeld des Pokerino im Grunde noch wie einen klassischen elektromechanischen Flipper. Es ist extrem flach, weitläufig und verlässt sich auf schiere Masse an Drop-Targets und Überrollkontakten (Star Rollovers). Jüngere Designer nannten diese Entwürfe scherzhaft „die alten Holzplatten“. Erst kurz darauf verstanden die Designer, dass Mikroprozessoren ganz andere, komplexere Spielregeln (wie echtes Sichern von Boni über mehrere Kugeln hinweg) erlaubten.
Das Design des Gehäuses und der Rückscheibe (Backglass) stammt von dem Ehepaar Constantino und Jeanine Mitchell. Während die Mitchells beim Pokerino noch mit den grellen Neon-Tönen der späten Disco-Ära experimentierten, nutzten sie genau diese Erkenntnisse für ihr direktes Nachfolgeprojekt bei Williams: den Megahit Flash (1979). Flash wurde mit über 19.000 verkauften Einheiten zu einem der erfolgreichsten Flipper aller Zeiten – und verfeinerte den visuellen Stil, der beim Pokerino ausprobiert wurde.
Der Pokerino litt unter einem strategischen Problem im Hause Williams: dem sogenannten Widebody-Hype. Ende der 70er Jahre dachten die Hersteller, „größer ist besser“, und bauten extrem breite Gehäuse (Widebodies). Doch der Pokerino wirkte durch die Breite oft leer, träge und steril im Spielverlauf. Gleichzeitig brachte der Erzrivale Bally Flipper mit klassischen Abmessungen, aber revolutionärem Billardthema heraus – namentlich Mata Hari und Eight Ball (letzterer verkaufte sich über 20.000 Mal). Gegen diese dynamischen, schnellen Konkurrenzgeräte hatte der wuchtige, etwas zähe Pokerino in den Aufstellungen der Kneipen und Arcades keine Chance, weshalb die Produktion nach nur 1.501 Geräten gestoppt wurde.


