Williams · 1980
Firepower

Der Williams Firepower aus dem Jahr 1980 gilt als einer der wichtigsten Meilensteine in der Geschichte des Flippers. Entworfen vom legendären Designer Steve Ritchie und programmiert von Eugene Jarvis, brachte dieser Flipperautomaten im Weltraum-Design mehrere revolutionäre technische Neuerungen auf den Markt, die das moderne Flipperspiel bis heute prägen. Mit einer beachtlichen Produktionsauflage von 17.410 Einheiten war er zudem ein gigantischer kommerzieller Erfolg für Williams Electronics.
Die wichtigsten technischen Innovationen
Der erste elektronische Multiball (Solid-State): Zwar gab es schon in der elektromechanischen Ära Flipper mit mehreren Bällen, doch Firepower war der weltweit erste mikroprozessorgesteuerte Flipper (System 6 MPU), der einen 3-Ball-Multiball über drei physische, elektronisch überwachte Ball-Locks realisierte.
Lane Change (Spurwechsel): Erstmals konnten Spieler die beleuchteten Rollover-Lanes am oberen Spielfeldrand (die das Wort “F-I-R-E” bilden) durch Drücken des rechten Flipperknopfs hin- und herschalten. Diese Funktion gehört heute zum absoluten Standard fast jedes Flippers.
Sprachausgabe (Speech): Als zweiter sprechender Flipper von Williams überhaupt zog er die Spieler mit einer roboterhaften, futuristischen Computerstimme (gesprochen von Steve Ritchie selbst) in seinen Bann, die perfekt zum Science-Fiction-Thema passte.
Erster EPROM-Einsatz: Es war das erste Gerät in der Industrie, das die flexibleren EPROM-Chips auf der Platine nutzte.
Das Gameplay des Firepower wird in der Turnierszene als extrem schnell, herausfordernd und gnadenlos beschrieben. Das Spielfeld bietet durch das Fehlen von klassischen Rampen eine sehr offene, ungebremste Kugelgeschwindigkeit.
Um den Multiball zu starten, müssen die sechs nummerierten Standup-Targets (1 bis 6) in der Mitte getroffen werden, um die “Sperren” freizuschalten. Danach müssen drei Kugeln nacheinander in den Auswurflöchern (Saucers) eingeloggt werden.
Das Vervollständigen der oberen Bahnen (“FIRE”) steigert den Bonus-Multiplikator. Trifft man die drei blauen Targets an den Seiten, sammelt man die Buchstaben für “POWER”. Schafft man beides, winkt der fette Firepower-Bonus von bis zu 50.000 Punkten.
Ein wichtiges defensives Feature ist der “Kickback” in der linken Außenbahn (Outlane). Wird dieser durch das Treffen der Targets aktiviert, schießt er eine verloren geglaubte Kugel direkt zurück ins Spiel.
Die monotone, bedrohliche Computerstimme des Firepower zog 1980 die Spieler in den Bann. Gesprochen wurde sie komplett von Steve Ritchie selbst. Jarvis filterte und verzerrte Ritchies Stimme so stark, dass sie perfekt zum düsteren Science-Fiction-Thema passte.
Zu dieser Zeit gab es keine fertigen Soundchips von der Stange. Eugene Jarvis musste den gesamten Soundtrack und die Sprachausgabe mathematisch programmieren. Ihm standen dafür magere 2 Kilobyte (KB) ROM und winzige 128 Bytes RAM zur Verfügung. Jarvis entwickelte dafür extra einen softwarebasierten Synthesizer, dessen wummernder Weltraum-Hintergrundsound die gesamte Flipper- und Videospielakustik der 80er-Jahre prägte.
Eugene Jarvis arbeitete ursprünglich bei Atari in der Pinball-Abteilung. Da er jedoch ahnte, dass Atari gegen die Chicagoer Flipper-Giganten wie Williams Electronics und Bally auf Dauer keine Chance haben würde, verließ er das Unternehmen kurz vor dem Ende der dortigen Flipper-Sparte. Steve Ritchie, der kurz zuvor ebenfalls von Atari zu Williams gewechselt war, holte seinen alten Freund Jarvis nach Chicago. Der Firepower war ihr erstes großes gemeinsames Projekt für Williams und schlug ein wie eine Bombe.
In den ursprünglichen Prototypen hatte Ritchie eine Reihe von 6 Drop Targets (Fallzielen) in der Mitte des Spielfelds verbaut. Genau 10 Vorserienmodelle verließen mit diesem Design die Werkstatt. Doch die Williams-Ingenieure stellten in den harten Testläufen in Test-Spielhallen fest, dass die damaligen Drop-Target-Mechanismen der enormen Wucht und Geschwindigkeit der Kugel nicht standhielten. Sie verklemmten und brachen ständig. Um teure Wartungseinsätze für die Aufsteller zu verhindern, riss Ritchie das Design kurz vor dem Start der Massenproduktion um und ersetzte sie durch die robusten, unbeweglichen Standup-Targets, die wir heute auf dem Spielfeld sehen.
Der Code älterer Flipper wurde oft unter Zeitdruck geschrieben und aus Kostengründen für verschiedene Modelle wiederverwendet. Beim Firepower führte das zu einem kuriosen Bug in der Scoring-Routine, der in Sammlerkreisen legendär ist: Nach jedem beendeten Spiel rundet der Flipper die Zehnerstelle des Scores automatisch auf eine Null ab. Wenn man das Gerät im “Attract-Modus” (dem Demo-Modus, wenn niemand spielt) stehen lässt, setzt die Software die Zehnerstelle gnadenlos zurück. Ein kleiner Softwarefehler, der der Faszination des Flippers aber nie geschadet hat.
In den späten 70ern und 80ern herrschte zwischen den Herstellern Williams und Gottlieb ein erbitterter, fast schon heiliger Krieg um die Flipper-Vorherrschaft. Trotz dieser tiefen Firmenrivalität waren der Gottlieb-Stardesigner John Trudeau und der Williams-Vordenker Steve Ritchie eng befreundet. Trudeau gab Jahre später in Interviews offen zu, dass ausgerechnet Ritchies Williams Firepower sein absoluter Lieblingsflipper aller Zeiten war.


